Wohin geht die Reise? Die #LVRKulturkonferenz

Wie können Tourismus und Kultur zusammen gedacht werden? Welche Kooperationen sind sinnvoll und möglich? Wer kann etwas von guten Beispielen aus der Praxis erzählen, was sagt die Forschung dazu? Und die Frage aller Fragen: Wie wirkt sich die Pandemie auf den Kulturtourismus aus?

Pandemiebedingt fand die LVR-Kulturkonferenz in diesem Jahr online statt. Sie widmete sich diesen und anderen Fragen danach, wie zeitgemäßer Kulturtourismus insbesondere im Kulturland Rheinland aussehen kann – jetzt und in Zukunft.

Wir Herbergsmütter freuten uns, im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem LVR-Dezernat Kultur und Landschaftliche Kulturpflege an der LVR-Kulturkonferenz mitzuwirken: Wir begleiteten die Kommunikation der #LVRKonferenz in Social Media und entwickelten mit dem #LVRErfrischungsraum einen interaktiven Raum mit kreativen Impulsen und der Möglichkeit zum Austausch in der Mittagspause.

Ein Tablet, ein Headset und ein paar herbstliche Blätter auf einem Tisch

Der #LVR Erfrischungsraum

Online-Konferenzen haben enorme Vorteile: Umständliche oder zeitraubende Reisen fallen weg, damit auch Kosten und an digitalen Veranstaltungen können auch Menschen teilnehmen, die u.a. aus diesen Gründen nicht an Präsenzveranstaltungen partizipieren können.

Doch es geht auch einiges verloren, was über die Inhalte hinaus eine Konferenz wertvoll macht: Der zufällige Austausch mit Gleichgesinnten über das Gehörte, der freundliche Schwatz an der Kaffeemaschine und der Abstand zum Alltag. Da kommen wir ins Spiel: Menschen spielerisch in digitalen Räumen miteinander in Kontakt bringen und zu kreativen Turnübungen zu animieren, das war der Plan. Und so beteiligten sich einige der Konferenz-Teilnehmenden mit Fotos ihrer Kaffeetassen oder der Pizza vom Mittagessen. Sehr beliebt waren auch ein paar Small-Talk-Begegnungen an der „Kaffeemaschine“, wo über Großmutters Geschirr oder das Wetter geplaudert wurde. Das sind ja die Dinge, die eigentlich bei Online-Konferenzen schmerzlich fehlen. Und auch wenn sich sicher viele in der Mittagspause nochmal kurz ihrem eigenen E-Mail-Postfach zuwenden mussten, gab es doch einige Kommentare in unseren Flashback-Runden. Wir hatten aufgefordert, dort blitzlichtartig festzuhalten, was einem aus den verschiedenen Panels in Erinnerung geblieben war.

Vernetzung mit Blick auf die Zukunft

Inhaltlich wurde in den Vorträgen und Diskussionen deutlich, wie wesentlich Nachhaltigkeit aber auch die Stärkung der einzelnen Akteur*innen in Netzwerken für den Kulturtourismus sind. Die Kulturkonferenz startete mit einem Blick auf den gesellschaftlichen Wandel und die damit einhergehenden Trends aber auch die Herausforderungen, vor denen sowohl Kulturbetriebe als auch Tourismusinstitutionen und Destinationen zukünftig stehen. Matthias Burzinski vom projekt2508 sprach in seinem Vortrag über einen erzwungenen Umbruch durch die Corona-Pandemie, den die Branche überleben müsse.

Prof. Dr. Edgar Kreilkamp von der Leuphana Universität Lüneburg sprach über Nachhaltigkeit im Kulturtourismus und betonte in seinem Input, dass das nicht Verzicht bedeuten müsse, sondern darin auch die Chance auf mehr Qualität liegen würde. Die Kultur könne ein wichtiger Treiber sein in der gesellschaftlichen Entwicklung und ein Verständnis für (auch gefühlte, nicht nur gesagte) Nachhaltigkeit befördern.

Dr. Gabriel Gach vom LVR-Kulturzentrum Abtei Brauweiler fragte sich anschließend, wie man Kulturtourismus nachhaltig gestalten könne? Ihm ging es in seinem Vortrag auch darum, die Ressource Kultur zu stärken und er brachte Praxisbeispiele aus dem LVR-Kulturzentrum Abtei Brauweiler.

In dem ersten Panel der LVR-Kulturkonferenz wurde klar, dass Nachhaltigkeit auch heißt: Teilhabe ermöglichen. Und das bedeutet unbedingt Barrierefreiheit. Das Verwenden von einfacher Sprache und dass alles inklusiv gedacht wird. Vor allem aber auch, dass man danach handelt. Digital und vor Ort.

Am zweiten Tag dann ging es um smarte Allianzen im Sinne von Kooperationen, Netzwerken und Verbünden. Prof. Dr. Thomas Schleper vom LVR-Dezernat für Kultur und Landschaftliche Kulturpflege stellte die Idee der Themenjahre in den Mittelpunkt seines Vortrags und hinterfragte diese Praxis auch im Hinblick auf den nachhaltigen Erfolg. Schleper sieht Themenjahre als „kulturkalendarische Lagerfeuer“, die Synergien zwischen unterschiedlichen Stellen, Institutionen, Zielgruppen schaffen könnten.

Claudia Hessel von der Kölner Offenbach-Gesellschaft berichtete über das Offenbach-Jahr 2019 und zog eine Bilanz des Themenjahres aus Veranstalterinnen-Sicht. Es sei auf jeden Fall erreicht worden, dass Offenbach nun in seiner Geburtsstadt deutlich präsenter sei. Aber man könne sicher die Kommunikation solcher Themenjahre in den digitalen Raum noch deutlich ausbauen.

Gleich zwei Netzwerk-Projekte wurden für die Euregio Maas-Rhein vorgestellt. Detlef Stender arbeitet beim LVR-Industriemuseum, Tuchfabrik Müller. Er berichtete über die Wollroute in der Euregio Maas-Rhein, die Anlässe für kulturtouristische Reiseplanungen bietet. Julia Schaadt vom Region Aachen Zweckverband stellte das Kombiticket „auf ins museum – naar het museum!“ vor, bei dem 28 Museen sich zusammengetan haben. Hier können die einzelnen Museen sich gegenseitig stärken, gemeinsam werben und zum Besuch motivieren. Im letzten Vortrag der LVR-Kulturkonferenz kam noch einmal die Kunst ins Spiel. Kurator Wilko Austermann stellte seine Ausstellungskonzepte vor, mit denen er Kunst in Hotels bringt. Eine perfekte Steilvorlage für den Kulturtourismus und ein schöner Impuls, mit Off-Spaces und einem Perspektivwechsel neue Publikumsschichten anzusprechen.

Authentizität der Orte und Empathie für Besucher*innen

Ein besonderer Fokus wurde auf die Nutzer*innen kulturtouristischer Angebote gelegt. Im zweiten Panel des ersten Tages auch mit Herbergsmütter-Beteiligung. Nachdem Dr. Yvonne Pröbstle einen typologischen Streifzug durch die Kulturtouristiker*innen unternahm und auf deren Vorlieben bzw. Gewohnheiten abhob, konnte Anke anhand von der Persona Methode nochmal ausführen, wie diese als Grundlage einer zeitgemäßen Visitors Experience im Kulturtourismus funktionieren kann.
Jens Nieweg von Tourismus NRW brachte in diesem Zusammenhang den Einblick in die Praxis und berichtete von dem Vorteil, den „Kulturpäckchen“ als zielgruppengerechte Argumente für eine Reise haben können.

Dr. Katja Drews vom Zukunftszentrum Holzminden-Höxter sah in ihrem Vortrag die großen Chancen in der Begegnung von Tourist*innen und Einheimischen bei Kunst und Kultur. Sie hat darüber in ihrer Dissertation geforscht. Als Ergebnis ihrer Forschung berichtete sie davon, dass interessanterweise Menschen auf Reisen eine andere Aufgeschlossenheit für Kunst und Kultur mitbrächten, als in ihrem Alltag. Gleichzeitig betonte Drews aber die Kraft der lokalen Identität, die Bewohner*innen mit Kunst und Kultur in ihrer Region hätten. Hier sieht sie sehr viel Potential für den Kulturtourismus.

Marianne Hilke leitet die Vermittlung des Archäologischen Parks in Xanten. Sie gewährte Einblicke in die Erstellung einer besonderen Game-App, bei der sich neun Museen im Rahmen eines grenzüberschreitenden Interreg-Projektes zusammengetan hatten. Mit RheijnLand.Xperiences entstand ein Projekt, das passgenau auf eine jüngere Zielgruppe zugeschnitten war. Die Entwicklung der Story, das Zusammenstellen verschiedener Bausteine aus den beteiligten Museen – all das war ein ambitioniertes Vorgehen, dass keines der beteiligten Häuser alleine gestemmt hätte. Leider machte Corona dem Projekt einen Strich durch die Rechnung und bislang konnte man die Früchte der drei Jahre dauernden Projektentwicklung noch nicht ernten.

Als Dritte im Bunde berichtete Dorothea Müller-Kliemt von der Stadtbibliothek Berlin-Mitte über das Escape Game „Das verschollene Manuskript“. Die Bibliothek hatte sich am Prinzip der beliebten Escape Rooms orientiert und mit der Geschichte um Kurt Tucholsky in den dreißiger Jahren auch generationsübergreifend Menschen für ihre Einrichtung interessieren können.

Es können Orte und Regionen durch das Zusammenkommen von Bewohner*innen und Tourist*innen gestaltet werden, fasste Katja Drews dieses Panel mit seinen vielen Praxisbeispielen zusammen. Sie verweist auf den Begriff des Creative Placemaking, der eine besondere Form des Community Building darstelle.

Und so war diese erste zweitägige LVR-Kulturkonferenz vor allem auch dies: Ein Treffpunkt für Expertinnen und Experten mit den Menschen aus der Praxis. Eine rege Beteiligung auf Twitter unter dem Hashtag #LVRKulturkonferenz brachte die ein oder andere Frage in die Runde und auch mit der Rückmeldung und Beteiligung im Chat konnten die Veranstalterinnen durchaus zufrieden sein.

Unser Fazit: Wenn ein analoges Treffen nicht möglich ist, lohnt sich eine Online-Konferenz auf jeden Fall. Denn es geht um den Austausch und um den Einblick in die Praxis. Denn eines ist klar: Wir brauchen mehr innovative Ideen für die Zukunft. Und unbedingt auch die Reflexion über den Status Quo. Dann kann man auch langsam den Horizont sehen und wissen, wohin die Reise möglicherweise gehen könnte.


Kunst, Leben, Utopie: Die Bauhüttenwoche in Simonskall in der Eifel

Ein weiter Blick übers Land. Die Eifel. In der Ferne das Braunkohlerevier und die Kohlekraftwerke. Irgendwo weiter östlich erahnt man Köln. Dann geht es durch die Wälder und an den Soldatenfriedhöfen die Serpentinen hinab ins Tal der Kall. Hürtgenwald. Vieles hier erinnert an die Kämpfe im Zweiten Weltkrieg, die zu den schwersten überhaupt gezählt werden. Inzwischen wird die Gegend vor allem von Tourist*innen und Radfahrer*innen geschätzt. Simonskall, das Ziel meiner Reise, zeugt hiervon: Wiewohl aktuell nur 36 Einwohner*innen gibt es hier überraschend viele Gasthöfe, Cafés, Pensionen und Hotels. Der Nationalpark Eifel ist nicht weit und es gibt ein gut ausgewiesenes Wanderwegenetz. Und es gibt ein Haus des Gastes, die Touristeninformation. Das ist deshalb interessant, weil diese im Junkerhaus zu finden ist.

Das Junkerhaus, Simonskall und die Kalltalgemeinschaft

Junkerhaus in Simonskall

Das Junkerhaus steht unter Denkmalschutz und wurde um 1608 erbaut. 1919 wurde es zum Genius Loci der Kalltalgemeinschaft. Eine Gruppe von Intellektuellen, Schriftsteller*innen und Künstler*innen schuf sich dort einen Ort, um miteinander zu arbeiten, zu denken, zu schreiben, zu lesen – oder einfach in den Himmel zu gucken. Nun, man war jung und hatte Schlimmes hinter sich, natürlich wurde auch dem Alkohol zugesprochen und, nun, man kam sich näher.

Insbesondere in diesem Jahr sprechen alle vom Bauhaus. Aber es ist hochinteressant, wieviele Künstlergemeinschaften sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg fanden. Da lag etwas in der Luft.

An dieser Stelle eine warme Empfehlung für die frisch gelaunchte Website zur Kalltalgemeinschaft, wo man sich gut einlesen kann. Schön auch die Ton- und Bilddokumente. Eine Selbstverständlichkeit sind auch die gut lesbaren Texte nicht. Da spürt man, dass Menschen mit Überzeugung und dem Wunsch, sich mitzuteilen und anderen verständlich zu machen, beteiligt waren. Einige davon saßen gestern Abend in der Talschenke in Simonskall und erzählten über die Zeit, über die Menschen der Kalltalgemeinschaft und den Ort. Doch ich greife vor.

Vor hundert Jahren also wurde ein Haus in einem von Armut geprägten Dorf in der tiefsten Eifel zu einem Ort für Kunst, Literatur, Philosopie und Gesprächen über Utopien.

Wie wollen wir leben? Welche Welt wünschen wir uns?

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Hoch empor: Eine Reise durch Ostfriesland zu den Orgeln der Schnitgerzeit

Der Bus füllte sich rasch. Etwa fünfzig Menschen trafen sich an einem sommerwarmen Samstagmorgen im Organeum von Weener: Orgelexkursion durch Ostfriesland!

Arp Schnitger und seine Zeit: Die Orgelexkursion, das Organeum und Winfried Dahlke

Die Orgelexkursion war eine von mehreren Exkursionen anlässlich des 300. Todestags von Arp Schnitger. Über seine Bedeutung schrieb ich kürzlich hier etwas. Auch auf den Text von Christian Spließ über die Geschichte der Orgel von Renaissance bis Neuzeit weise ich gern hin.

Dreh- und Angelpunkt der Orgelexkursionen ist das Organeum Weener. Das Organeum in Weener ist ein Orgelmuseum und wird von der Stiftung der Ostfriesischen Landschaft, der Evangelisch-reformierten Kirche und der Stadt Weener in Kooperation getragen. Gelegen in der reichen Orgellandschaft Ostfrieslands geht es vom Organeum aus öfter auf Tour. Musikalische Führungen und Konzertreihen bringen den Menschen die Orgeln und die Orgelmusik näher.

Künstlerischer Leiter des Organeums ist – neben seiner Tätigkeit als Landeskirchenmusikdirektor – Winfried Dahlke, der unsere Orgelexkursion an ebenjenem Samstag fachkundig begleitete.

Ihn trafen wir an vier Kirchen, in denen Orgeln der Schnitger-Zeit zu finden sind, erbaut von den Zeitgenossen des berühmten Orgelbauers. Von Arp Schnitger selbst sind nur noch wenige Orgel erhalten, etwa 30 von einstmals 170 Instrumenten, darunter eine in Norden und eine in Weener. Der Einfluss Arp Schnitgers war jedoch immens. Der Fokus unserer Exkursion lag daher auf Orgeln seiner Zeit, die von diesem Einfluss zeugen.

Begleitet wurde unsere Bustour ganz handfest von Frau Moenikes und Herrn Hebisch vom Förderverein des Organeums. Herr Hebisch lässt ausrichten, dass es derzeit eine sehr gute Reihe im NDR Kultur gibt: In zwölf Folgen durch Norddeutschlands Orgellandschaft.

Mit unserem Busfahrer Manni ging es los nach Buttforde, Dornum, Hohenkirchen und Bockhorn. Die Besuche sind nicht ganz einfach zu planen, denn natürlich durften zeitgleich etwa keine Hochzeiten sein. Und so fuhren wir ein wenig Zickzack. Das weite, struppige und immer etwas ungekämmt wirkende ostfriesische Binnenland lag im Sonnenschein. Wir fuhren durch hübsche Dörfer und Orte in Backsteinrot. Rot waren auch die Kirchen.

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Hoch empor: Arp Schnitger und eine Orgelexkursion

Arp Schnitger – schon allein sein Name klingt. Der Orgelbaumeister war über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Halb Europa wollte eine Orgel von ihm, Komponisten von Weltruf reisten nach Hamburg, um die größten Orgeln ihrer Zeit zu sehen und vor allem zu hören. Ihr Klang gilt als einzigartig und stilbildend.

Das ist nun über drei Jahrhunderte her. Drei Jahrhunderte. Was für ein Zeitraum. Drei Jahrhunderte mit Kriegen und Friedensschlüssen, umwälzenden Erfindungen und erschütternden Katastrophen, kleinen und großen Geschichten der Menschen und der Menschheit. Heute sind noch dreißig von 170 Orgeln aus den Werkstätten Arp Schnitgers erhalten, zwanzig davon in Niedersachsen.

Vor 300 Jahren, im Jahr 1719, starb Arp Schnitger. Er betrieb Werkstätten in Hamburg, Stade, Bremen, Groningen, Lübeck, Magdeburg und Berlin. Seine Orgeln fanden ihren Weg über die See bis nach Russland, England, Spanien, Portugal und Brasilien. In Hamburg baute er 1682 für die St.-Nikolai-Kirche die damals größte Orgel der Welt. Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach reisten damals nach Hamburg, um Schnitgers Orgel zu erleben.

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Zwischen Politik und Poesie: Haltung & Fall

Ich steige die Stufen hoch, drehe mich um, breite die Arme aus, atme aus, atme ein – und lasse mich rückwärts fallen.Ist die Kunst frei?

Haltung und Fall. Das Marta Herford widmet sich einem Begriffspaar, das es in sich hat. Haltung beziehen, Haltung einnehmen, Haltungen überprüfen: Was ist Haltung eigentlich? Wie ist meine Haltung zu gesellschaftlichen Fragen, zu politischen Entscheidungen, zu globalen Entwicklungen?

Haltung. Halte ich mich gerade, wanke ich, falle ich, finde ich meine Balance? Wer zu starr steht, fällt leichter um. Es gilt also, beständig die eigene Haltung zu prüfen, locker zu bleiben, ein Gleichgewicht zwischen Spannung und Entspannung zu finden.

An dieser Stelle möchte ich ein Lob aussprechen für die mehrteiligen Publikationen des Marta Herford zur Ausstellung. Sie sind handlich, schön gemacht, in sich schlüssig – und vor allem stinken sie nicht. Letzteres ist bei Ausstellungskatalogen leider oft ein Problem für sensible Nasen.

Im Essay-Band schreibt Kuratorin Ann Kristin Kreisel von der Vielschichtigkeit der Begriffe Haltung und Fall: Ikarus‘ Sturz vom Himmel als Sinnbild des Scheitern, das Scheitern als Möglichkeit eines Neubeginns, die gesellschaftlichen Spannungen weltweit, der Ruf nach Haltung und das Einbeziehen des Körpers, das Ringen mit der Welt.

„Jenseits von Sprache oder Schrift avanciert der Körper zum inmittelbaren Ausdrucksträger künstlerischer Vorstellungen. […] Die körperliche Präsenz wird dabei zur Haltung, zur Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs, bis hin zur politischen Handlung, zur Körperpolitik.”

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Die Welt im Staubrausch (nun, ein Teil der Welt)

Wollmäuse, überall Wollmäuse!

Der Staubrausch hat Deutschland erfasst, erste Ausläufer sind in den Niederlanden und in Österreich zu finden. Höchste Zeit, kurz beim Staubwirbeln innezuhalten.

Aus dem Staubarchiv von Wolfgang Stöcker

Mikel treibt die Sehnsucht nach Staub. Ein Gedicht. Und ein ernsthaftes Anliegen im leichten Gewand.

Susanne Gurschler funkt uns aus Innsbruck Bilder ihrer Wollmäuse und die Dokumentation ihrer Bergung zu: Staubrausch für alle in ihrem Blog.

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Staubrausch für alle!

Köln, 10.07.2019. Es ist ein sonniger Tag. Ihr Schein wirft Schatten durch die Vorhänge. Die Atmosphäre des Raums ruhig, ein freundliches Fast-Durcheinander. Auf dem rötlich schimmernden Dielenboden steht ein Schrank aus mittelbraunem Holz. Darunter Staubpartikel und Flusen. Zusammen ergeben sie eine kapitale Wollmaus. Entnommen um 13:21 Uhr.

Es ist wieder soweit: Wir erklären die Entfernung von Staub und Schmutz, landläufig Putzen genannt, zur Kunst und machen aus Wollmäusen wertvolles Archivmaterial. Wir sind im Staubrausch. Und laden Euch ein, Euch ihm ebenfalls hinzugeben. Dem Staub. Dem Rausch.

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Staub ist Zivilisation: Das Internationale Staubarchiv

Welches Verhältnis hast Du persönlich zu Staub?
Ein liebevoll bis dramatisches Verhältnis.

(Wolfgang Stöcker im Interview mit Ute im März 2015)

Ein Gastbeitrag von Wolfgang Stöcker über sein Staubarchiv, Sinn und Unsinn und warum Staub kulturbildend ist.

Am Samstag, den 13. Juli, werden wir mit ihm eine Staubexpedition auf einem ehemaligen Indurstriegelände in Köln-Deutz im raum13 unternehmen. Unter #Staubrausch werden wir diese Staubvermessung bei Twitter und Instagram dokumentieren.

2004 in Köln zunächst als Deutsches Staubarchiv gegründet, wurde das Projekt Anfang 2019 in Internationales Staubarchiv umbenannt. Rund 600 Proben lagern zur Zeit in den Beständen. Sie sind unterteilt in: Sakrale Stäube / Politische Stäube / Kulturstaub / Naturraumstaub / Kulinarische Stäube / Musikalische Stäube.

Alles kann verstauben

Das Archiv dokumentiert die Anwesenheit von Staub an Orten der „hohen Bedeutungen“. Architekturen oder einzelne Werke der bildenden Kunst vermitteln „das Bedeutende“ schon fast als eine vom Menschen abgekoppelte, autonome Größe. Dabei dürfte spätestens in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts klar geworden sein, wie sehr Bedeutungen, Werte, Gewissheiten und vermeintlich sichere Punkte menschlicher Kultur und Zivilisation in den Abgrund gerissen werden können.

Der Staub ist ein Mahner für mögliche Schrecken und vor diesem Hintergrund eine ins Positive gerichtete Kraft. Alles kann verstauben. Nicht nur materielle Kunst- und Kulturgüter, nein vielmehr Immaterielles, die zahlreichen Ausformungen unterschiedlicher Gesellschaftsformen können vergehen, weshalb Pflege und eine liebevolle Hinwendung zu den Dingen notwendig ist. Kehren ist ehren!

Staub ein Motor für Kultur

Die permanent empfundene Realität eines möglichen Verfalls, symbolisiert durch den chaotischen Staub, ist eine starke Motivation für pflegende Maßnahmen. So ist Staub ein Motor für Kultur, denn Kultur bedeutet Pflege. Kehren und Wischen sind Kulturtechniken, und am Anfang steht der Staub. Er ist ein Material des Übergangs, Beginn und Ende zugleich, ein kraftvoller Basisstoff, der uns täglich die Illusion des staubfreien Moments zerstört.

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Im Staubrausch

Es begann mit einer Wollmaus. Vor vier Jahren geriet einer von uns ein Artikel über Klaus Pichlers Fotoprojekt DUST in die Finger. Damals nahte der Frühling. Hellere Tage folgten auf das Winterdunkel. Die Sonne griff mit immer lichteren Fingern in die Wohnungen und brachte Staub, Spinnweben und Wollmäuse zum Glitzern.

Wollmaus

Einfach wegputzen? Nicht doch:

Was wir mehr oder weniger regelmäßig wegputzen, sind die Spuren unseres Lebens. Jeder Schmutz, jeder Staub ist anders. Wenn man mal näher hinschaut, öffnet sich ein faszinierendes Universum.

Damals riefen wir zum #Kunstputz. Anke griff zum Putzeimer in der Kunst, Ute stellte Kontakt zum Staubarchivar und Künstler Wolfgang Stöcker her und es kam zu einer Staubführung am Kölner Dom mitsamt Entnahme sakraler Stäube.

Und so zuverlässig, wie sich Staub schon gleich nach dem letzten Wischen, wie sich die Wollmäuse nach dem letzten Putzen getreulich wieder einstellen, so ließ uns das mit dem Staub nicht gänzlich los.

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Lauschpöhle: Geschichten aus dem Bauernland zum Kurbeln

„Kurbeln! Du musst kurbeln! Länger!“

Im Schmallenberger Sauerland ist Handarbeit gefragt: 20 Säulen mit Hörstationen sind im Bauernland am Rande von Wanderwegen verteilt. Das Bauernland umfasst siebzehn Dörfer und ist zugleich der Name des Heimat-und Verkehrsvereins, der dieses Projekt geplant und umgesetzt hat. Katja Lutter und Andre Voss vom Heimat- und Verkehrsverein Bauernland haben sich für Konzeption und Umsetzung der Hörgeschichten Britta Freith an die Seite geholt. Durch Britta wurde ich, Wibke, bei Twitter auf das Projekt aufmerksam – und merkte auf: Sauerland (Heimat, woll?!), Wandern, Geschichten und das von und mit Britta? Da muss ich hin.

Britta Freith lernte ich vor Jahren als Autorin kennen, dann folgten wir uns bei Twitter und sonst auch überall, ich folge ihr regelmäßig in ihren Insta-Storys in den Garten und mag einfach, was sie tut. Und wie sie es tut. Etwa nochmal zu studieren. Britta Freith blickt auf einen der Lauschpöhle

Und so fuhr ich ins Hochsauerland, um am 19. Juni der offiziellen Eröffnung der Lauschpöhle in Wormbach beizuwohnen. Ich schrieb vom Sauerland als Heimat, aber das stimmt nur halb: Das Sauerland, in dem ich aufwuchs, ist etwa siebzig Kilometer vom Hochsauerland entfernt. Ich fand es demnach in gewisser Weise aufregend, dorthin zu reisen. Die Fremde, ganz nah.

Zutaten für gute Projekte: Offenheit, Neugier, Kreativität – und Zeit

Geschichten verbinden, klar. Weiß man, kennt man, sagt jeder, steht so oder so ähnlich in jedem Storytelling-Handbuch. Jeder von uns kennt vermutlich auch genügend Projekte, die in der Theorie gut klingen, die vielleicht dann auch gefördert werden – und am Ende sind sie fertig, es gibt eine Pressemitteilung, ein, zwei Artkel erscheinen, das Projekt macht sich nett im Jahresbericht, das war’s.

Aber was, wenn ein Projekt bereits im Entstehungsprozess Menschen vor Ort zusammenbringt? Wenn die nötige Offenheit und Neugier da ist, wenn es Kontakte in bestehende Dorfgemeinschaften gibt, wenn mit Kreativität und Vergnügen miteinander an der Umsetzung gearbeitet wird? Wenn man sich die nötige Zeit nimmt? Dann kann etwas wirklich Gutes entstehen, etwas, das den Moment überdauert, in dem ein Projekt feierlich eingeweiht und die Förderung durch ist, die Presse berichtet hat.

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