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Wo Gemeinschaft beginnt, beginnt Menschheit: Die Märzrunde in Simonskall

„Wo Gemeinschaft beginnt, beginnt Menschheit. Gemeinschaftsbeginn ist Menschheitsbeginn.“

Das schrieb Carl Oskar Jatho 1919 in einem Aufsatz. Jatho war Schriftsteller – und einer der Gründer*innen der Kalltalgemeinschaft, einer Künstlerkolonie in der Eifel. Ein Ort zum Arbeiten, Leben, Denken, Feiern – miteinander. Ein Ort für Kunst, Literatur und Musik. Ein Ort, an dem Menschen darüber nachdachten, diskutierten und experimentierten, wie sie leben wollen, wie aus einer Überwindung der Gesellschaft durch Gemeinschaft, wie aus Wort-Sache Tat-Sache werden kann. Zwischen 1919 und 1921 lebten und arbeiteten regelmäßig Künstler*innen und Schriftsteller*innen im Junkerhaus in Simonskall, gleich nebenan der Hürtgenwald, der im Zweiten Weltkrieg traurige Berühmtheit erlangen sollte.

Hier im Blog und in Social Media tauchten die ersten Erwähnungen der Künstler*innengemeinschaft ziemlich genau hundert Jahre nach ihrem Wirken auf: 2019 waren wir in Simonskall zur Bauhüttenwoche, beteiligten uns vor Ort und verlängerten die Aktivitäten in den digitalen Raum. Im Frühjahr 2021 dann eröffneten wir mit dem Institut für Moderne im Rheinland in einer Zoomissage die virtuelle Ausstellung zur Kalltalgemeinschaft. Und am 4. März 2022 reisten wir wieder in die Eifel: zur Märzrunde!

Die Märzrunde war eine Tagung, zu der das Institut für Moderne im Rheinland nach Simonskall geladen hatte:  Es standen Vorträge und Stimmen zur Künstlerkolonie in Simonskall im Rheinland, zum Hürtgenwald als Kulturlandschaft zwischen Krieg und Frieden, zu den Netzwerken ausgehend von und über Simonskall und zur Ästhetik der rheinischen Avantgarde. Daran schloss sich eine Podiumsdiskussion an, die sich mit der Kalltalgemeinschaft im Kontext von Heimat, Kultur und Naturschutz beschäftigte. Eingeladen waren Dr. Thomas Hoeps (Leiter des Niederrheinischen Literaturhauses Krefeld), Dr. Hildegard Kaluza (Leiterin des Referats Kultur im Ministerium für Kultur und Wissenschaft), Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen und Autor von Regionalkrimis sowie Frau Prof. Dr. Barbara Schock-Werner (Vorstand der NRW-Stiftung. Natur, Kultur, Landschaft).

Deutlich war aus allen Beiträgen sowie den anschließenden Diskussionen und ist: Es braucht Orte, um miteinander zu denken, zu leben und zu arbeiten. Es braucht Orte der gelebten Utopien. Es braucht Orte, die Menschen digital und vor Ort verbinden.

Das Weltgeschehen* verlieh der Märzrunde eine unerwartete Note. Die Themen, die die Künstler*innenkolonie Kalltalgemeinschaft vor hundert Jahren beschäftigte, finden sich in ähnlicher Form auch heute wieder: Krieg und Frieden, Pandemie, wirtschaftliche Umbrüche, der Schutz der Natur, die Suche nach Heimat. „Geistige Heimat braucht reale Orte“: Dieser Ort mitten in Europa und voller Geschichte kann ein solcher Ort sein, ein Ort für #KunstLebenUtopie. Wie kann das realisiert werden und inwiefern war die Märzrunde ein wichtiger Schritt auf diesem Weg?

Die Moderne, die Gemeinschaft und der Ort

Es war spannend, noch einmal in den Gedanken der europäischen Moderne und die Avantgarde-Bewegungen nach dem ersten Weltkrieg geführt zu werden. In der Märzrunde gab es von Frau Professor Cepl-Kaufmann dazu eine Einführung, die immer noch nachwirkt. Sie verwies auf den Begriff der Anarchie, der auch den Kern des Pazifismus in sich trage. Das berührt natürlich unsere Herzen in diesen Tagen ganz besonders. Die Kraft, die heraus erwachsen kann, hatte auch die Kalltalgemeinschaft beflügelt. Denn es ging letztendlich auch um den Versuch einer selbstbestimmten Lebensform. Fernab von Herrschaft und Machtstrukturen. „In unserer Hand liegt das Leben“, dieses Zitat von Ernst Bloch wies und weist die Richtung. Auch die Idee der Bauhütte, des gemeinsamen Wirkens mit unterschiedlichen Fähigkeiten auf Augenhöhe, war ein wichtiger Impuls, der unbedingt weitergetragen werden muss.

Es war schön, all dies in Simonskall in dieser Märzrunde noch einmal in den Raum zu stellen und das als Gemeinschaft aller, deren Herz für diesen Ort schlägt, weiterzudenken. Es gibt so viel Potenzial in Simonskall. Wie in mehreren Schichten lassen sich regional, national aber auch international zahlreiche Verbindungslinien um diesen Kern ziehen. Wenn wir an den äußersten Punkt gehen, so steht dort das Netzwerk von euroArt parat, das sich mit der Verortung von Künstlerkolonien beschäftigen. Die Kalltalgemeinschaft in der Eifel ist eine der kleinsten Einheiten aber eben genauso wichtig wie die großen und berühmten in diesem Verbund. Man kann zurecht stolz darauf sein, dabei zu sein. Unbedingt sollte der Vorschlag aufgegriffen werden, dies auch einmal über eine entsprechende Plakette am Junkerhaus nach außen zu demonstrieren.

Schwingen wir wieder von der internationalen Reichweite zu lokalen Verbindungen, dann wird schnell deutlich, wie wichtig Akteure vor Ort sind. Wie die Mitstreiter vom Verein HöhenArt, die wichtig für die Belebung des Junkerhauses, für den Resonanzraum dort sind. Auch die Gemeinde ist mit dem Tourismus Office vor Ort ein weiterer Player im Gesamtkonstrukt. Das Denkprojekt „Kalltalgemeinschaft“ hat wohlwollende Verbündete. Soll es aber in Zukunft größer und weiter gedacht werden, braucht es unbedingt weitere Schultern, auf die die Verantwortung verteilt werden kann.

Was wir haben

Was viel Energie für die Zukunft verspricht, ist zum Beispiel ein Nutzungskonzept, das bereits vom Institut der Moderne im Rheinland für das Junkerhaus erarbeitet wurde. Aber auch die Idee von einem regelmäßig stattfindenden Festival ist schon sehr realistisch angedacht und sicher gut umzusetzen. Themen gäbe es genügend.  Das vorhandene Netzwerk kann das tragen. Es geht nun um Verstetigung, darum, die Bedürfnisse aller zu bündeln. Und die besten Lösungen für alle zu entwickeln.

Was bei all dem wichtig ist: die Botschaft von Kunst, Leben und Utopie zu stärken und auch in die Breite hinein zu kommunizieren. Es gilt, sich zu fragen, welche Schwerpunkte man setzen will ? Möglicherweise geht es auch darum, zu identifizieren, an welche Strukturentwicklungspläne man anknüpfen kann. Während einer lebendigen Diskussion in der Märzrunde wurden bereits Fördertöpfe erwähnt, die Natur, Kultur sowie  konkrete Gebäude zum Gegenstand haben. Jetzt gilt es, dranzubleiben und die Chancen aufzugreifen. Es gibt also viel zu tun. Im Hinblick auf mögliche Programme, auf zukünftiges Personal und ganz sicher auch im Hinblick auf ein zukünftiges Publikum.

Was wäre wenn …

… es einen gemeinsamen Workshop mit allen Anspruchsgruppen zur Zukunft des Junkerhauses als Reflexionsort geben würde. Hier könnte man sich auch zu einer gemeinsamen Erzählung zusammenfinden, die die Bedeutung von Simonskall auch nach außen – und vor allem auch nachvollziehbar ins Netz tragen könnte.

… man das Junkerhaus als Knotenpunkt für die Vernetzung weiterentwickeln könnte und es im Sinne eines Dritten Ortes versteht. Wenn man ein offenes Angebot für Gespräche und die Identifikation mit der Gegend gestalten könnte. Hier könnten Experimente in Richtung „Co-Working“ oder „Artist/Writer/Poet in Residence“ erste Modelle sein, wo Kreativmenschen auf Zeit oder in Intervallen leben und arbeiten, es Ateliers, Erzählcafés und Schreibwerkstätten gibt und in denen Simonskall in Worten und Bildern aus unterschiedlichen Blickwinkeln greifbar wird.

… Simonskall als gelebte Utopie Menschen miteinander verbände, vor Ort und digital, mit ihren Gedanken, mit ihren Ideen, mit ihrem künstlerischen Schaffen, mit ihrer Kreativität, mit ihrem Arbeiten – mit ihrem Leben und Sein. Eine Vernetzung von Kunst, Literatur und Musik, von Architektur und Natur, eine Vernetzung in der europäischen Idee, der Idee einer Einheit in Vielfalt und Frieden. Neben den Europäischen Kulturhauptstädten gäbe es ein Europäisches Kulturdorf, ein Dorf in der Eifel, das urbanes und ländliches Leben vereint, Menschen aus Städten und Menschen vom Land, Menschen aus Simonskall und der Region. Einen Ort, der auf Begegnung und Austausch angelegt ist, wo Kunst auf Fridays for Future, die Landfrauen, den Fußballverein und die Ausflugsgastronomie trifft. Und zwar im Digitalen wie im realen Leben.

… das gebaute Erbe, das historische Junkerhaus zum Identitätsanker für die Region werden kann. Und damit auch den Anschluss an viele Themen bewerkstelligt wird, die in unserer Gesellschaft virulent sind. Dazu gehört zum Beispiel auch das Verhältnis von städtischem und ländlichem Raum, Themen der Nachhaltigkeit und die Frage, wie wollen wir in Zukunft leben. Aber auch, welche Relevanz hat die Kunst und die Kultur in dieser Landschaft und in unserer Gesellschaft.

Simonskall als gelebte Utopie?

Vielleicht ist das Bedürfnis nach solchen Orten so groß wie selten. Im digitalen Raum finden sich Menschen mit ähnlichen Werten, Fragen und Ideen zusammen. Diese Menschen brauchen einen realen Ort, an dem die digitale Verbundenheit eine Heimat finden kann. Einen Ort, an dem man sich trifft, an dem man miteinander arbeitet und miteinander feiert – wie vor über hundert Jahren die Kalltalgemeinschaft.

Ein Kraftort, der durch die Vernetzung von Themen und Verbundenheit von Menschen in die Region wirkt, in den europäischen Raum und in digitale Räume.

Ich bin. Wir sind.
Das ist genug.
Nun haben wir zu beginnen.
In unserer Hand liegt das Leben.

Ernst Bloch

 


Hinweis: Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer bezahlte Kooperation mit dem Institut Moderne im Rheinland.

 

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