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Kunst, Leben, Utopie: Die Kalltalgemeinschaft zieht ins Netz ein

Die Freischaltung einer Website, die als virtuelle Ausstellung fungiert, mit einer Vernissage zu feiern, ist an sich schon eine charmante Idee.

Das Institut Moderne im Rheinland” an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf initiierte das Projekt und lud uns ein, diese digitale Vernissage – die Wibke bald zur Zoomissage machte – zu gestalten und durchzuführen. Wie das oft bei Vernissagen ist, Rede reiht sich an Rede, bis man sich endlich die Schau angucken kann – das wollten wir natürlich nicht, ist das im Videokonferenzformat doch oft noch quälender, als im realen Leben. Wir wollten also einen unterhaltsamen und abwechslungsreichen Abend gestalten.

So verteilten wir die Würdigung der Förder:innen und Sponsor:innen vorab auf Twitter, inkludiert in die live-Berichterstattung zu einer Radiodiskussion, die ein paar Tage vorher ausgestrahlt wurde und in Instagram Storys – Anke hatte dazu zwei Interviews geführt.

Sehr froh waren wir darüber, dass wir Michael Stacheder aka Theaterwelten für zwei kleine Rezitationen gewinnen konnten. Er brachten damit zum einen sprachlich gemalte Impressionen zur Eifel und Simonskall in die Veranstaltung, zum anderen eine Zitat-Collage der Protagonist:innen und Zeitgenossen der Kalltalgemeinschaft. Beides trug dazu bei, den Ort und die Zeit etwas sinnlicher zu erfahren. Eine kurze Umfrage zum Thema Utopien, an der sich alle beteiligen konnten, trug zur Auflockerung bei. Hier entstand diese schöne Wortwolke.

Als Höhepunkt der Veranstaltung „führten“ die Initiatorinnen des Projekts – Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande – exemplarisch durch die Website und beschrieben ein paar Highlights. Danach schubsten wir die Teilnehmer:innen in Breakout-Sessions, um Gelegenheit zu geben, sich in kleinen Gruppen über das Gesehene und Erfahrene auszutauschen. Das taten diese auch sehr angeregt, denn nach 10 Minuten waren doch viele enttäuscht, dass dieser Teil schon zu Ende war.

Nach einer kurzen Blitzlichtrunde und Verabschiedung nach insgesamt gut anderthalb Stunden ließen wir den Abend bei einem kleinen GetTogether auf wonder.me ausklingen. Das ungeheuer positive Feedback der Teilnehmenden hat uns bestätigt, dass wir einen guten, runden bunten Abend kreiert haben.

Und ab jetzt immer zugänglich im Netz: Online-Ausstellung „Die Kalltalgemeinschaft

In vier Ausstellungsräumen können wir nun also im Netz viel über die Kalltalgemeinschaft erfahren und vor allem in den Kontext eintauchen, in der diese Künstlerkolonie damals entstanden ist.

Die Gemeinschaft der Einsamen – so ist der Online-Raum überschrieben, der das Epochenjahr 1919 behandelt. Im nächsten Raum erfahren wir, wie es dazu kam, dass man sich in Simonskall zusammengefunden hat.
Von der Gesellschaft zur Gemeinschaft – so die Überschrift – fand sich eine Gruppe fern der Großstadt im Eifelidyll zusammen und lebte, liebte und arbeitete dort zusammen. Hier können wir mit der Präsentation in die jeweiligen Köpfe der Protagonisten hineinschauen. Kongenial auch die Illustrationen von Anna Westphal, die einen Großteil der Atmosphäre dieser Online-Ausstellung ausmachen. Wie schön, dass hierauf großer Wert gelegt wurde.
Und natürlich muss man in der Präsentation auch dem künstlerischen Schaffen der Kalltalgemeinschaft einen Raum widmen. Wie war der Stellenwert in der Moderne, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ja eine Vielzahl solcher Künstlerkolonien hervorgebracht hat? Mit „Welt zum Staunen“ surfen wir dann auch durch die ganzen Ismen, die die Kunst dieser Jahre geprägt haben und durchlaufen einen kleinen Kurs in Kunstgeschichte.
Am Ende geht es im Raum „Zwischen Morgen und Abermorgen“ um das Ende der Kalltalgemeinschaft. Und wenn wir auf die unruhigen Zeiten blicken, die ab den zwanziger Jahren für die Entwicklung der Moderne in den folgenden Jahren bevorstanden, dann wird einem ganz anders ums Herz. Vor allem, weil man gerade dort in der Eifel, im Gebiet Hürtgenwald um die Folgen des Krieges genau Bescheid weiß.
Die Online-Ausstellung ist eine wunderbare Möglichkeit, wie in einer analogen Ausstellung von Themenraum zu Themenraum zu schlendern. Die dichten und komplexen Inhalte wurden in kleine inhaltliche Häppchen aufgeteilt, man kann sich die Abbildungen näher anschauen und in tiefere inhaltliche Schichten vordringen. Es besteht sogar die Möglichkeit, sich eine persönliche Sammlung von Werken anzulegen, was man unbedingt ausprobieren sollte.

Utopien in Zeiten des Umbruchs

Was die Beschäftigung mit einer Künstler*innengemeinschaft, die nur zwei Jahre lang in einem kleinen Dorf in der Eifel miteinander lebte und arbeitete und tanzte und feierte, so ungemein elektrisierend macht, ist die Jetzt-Gültigkeit vieler ihrer Gedanken. Und somit weist die Kalltalgemeinschaft weit über sich selbst hinaus: Vor über hundert Jahren befand sich die Gesellschaft ebenfalls in einem Umbruch oder vielmehr in unzähligen Umbrüchen. Hier finden sich vielleicht nicht in der Ausprägung der Umbrüche, wohl aber in ihrer Tatsache etliche Parallelen zur Gegenwart. Und wie damals gibt es eine große Sehnsucht nach Utopien.
Man kann es noch viel stärker ausdrücken: Wir, als Gemeinschaft und als Gesellschaft, müssen eine Vorstellung von möglichen Zukünften entwickeln, davon, wie wir miteinander leben und arbeiten wollen. Es zeigt sich angesichts von insbesondere sozialen Missständen, die die Pandemie zutage bringt, wie auch der Klimakatatrophe, dass Wandel unumgänglich ist. Aber auch die Digitalisierung ist nach wie vor eine Herausforderung und es stellen sich zentrale ethische Fragen nach Mitbestimmung und dem Eigentum von Daten. Wandel will, nein, er muss gestaltet werden.
Und wer, wenn nicht die Kunst und die Literatur, ist in sich frei genug, diese Utopien miteinander zu entwickeln, ob in digitalen Räumen oder an Orten wie Simonskall? Die Beschäftigung mit den Künstler*innengemeinschaften der Vergangenheit kann uns Ermutigung und Anstoss sein, diesen Geist von Gemeinschaft und Gestaltung aufzugreifen. Und wann kann dies besser geschehen als in dem Jahr, in dem der Mann, der den Begriff der sozialen Plastik schuf, seinen einhundersten Geburtstag feiert: Joseph Beuys.

»Das ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unserer Hand liegt das Leben.«
Ernst Bloch (Autor von Das Prinzip Hoffnung)

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