Wie Staub zu neuem Leben wird

„Das hätte ich nicht erwartet!“ Wolfgang Stöcker ist ganz überwältigt, von den Hinterlassenschaften, die im Raum 13 auf ganz eigene Art und Weise erhalten geblieben sind. Anja Kolarcek und Marc Leßle sind die Hüter eines Schatzes, den Wolfgang jetzt mit seiner speziellen Herangehensweise noch einmal neu zu heben scheint. Wir Herbergsmütter sehen beglückt zu, wie sich hier eine wunderbare Freundschaft anzubahnen beginnt.

Wir sind zu einer Staubexpedition an den wohl aufregendsten Ort angereist, den die Schäl Sick zu bieten hat. Und obwohl einige von uns ihn schon kennen, ist es immer wieder von Neuem ein großes Staunen, wenn man das Deutzer Zentralwerk der schönen Künste an der Deutz-Mülheimer-Straße betritt. Im als Architektenplan gestalteten Flyer vom Raum 13 kommen einem gleich mehrere Worte für den Ort entgegen: Freiräume. Denkräume. Spielräume. Erinnerungsräume. Längst ist das hier nicht mehr ein „lost place“. Das Künstlerpaar Kolacek/Leßle hat in den Jahren, in denen sie hier wirken, mit sensiblem Blick hier und da ganz vorsichtig eingegriffen. So ist etwas entstanden, das sofort die Synapsen ans Rattern bringt. Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Klöckner-Humboldt-Deutz AG atmet Geschichten ein und aus.

Anja Kolacek und Marc Leßle. Deutzer Zentralwerk der schönen Künste. Raum 13

Anja Kolacek und Marc Leßle. Deutzer Zentralwerk der schönen Künste. Raum 13

„In den letzten sieben Jahren ist ein lebhaftes Stadtkunstprojekt im rechtsrheinischen Köln entstanden, oszillierend zwischen Stadtgeschichte und Stadtentwicklung. Durch künstlerische Recherchearbeiten am historischen Bezugsort der ersten Gasmotorenfabrik der Welt werden Spuren und Schichten gestriger Epochen allmählich freigelegt und in Gegenwarts- und Zukunftsszenarien verwoben.“

Text von Raum 13

„Bugatti war ja auch mal hier!“ Wolfgang ist Historiker und hat sich mit der Kölner Stadtgeschichte befasst. Räume sind für ihn lebendige Geschichte. Im Staub materialisiert sich alles. Und fast scheint es, als sei der Geist des Ortes in ihn gefahren, als er plötzlich anfängt, in unterschiedliche Rollen möglicher Biografien zu verfallen. Genau das passiert, wenn man durch Raum 13 wandelt. Es macht etwas mit einem und man nimmt viel in sich auf. Anja meint auch, dass sich der Staub der Erinnerungen in die Haut einnistet. Man verwandelt sich, je länger man dort vor Ort ist!!

Wolfgang Stöcker bei der Entnahme einer Staubprobe im Deutzer Zentralwerk der schönen Künste.

Der Staub wird entnommen. Dafür werden Mikrowinde mit dem Pinsel aufgewirbelt, damit möglichst viel mitgenommen werden kann. Klebeband raus, draufgelegt und zack, der Staub ist in die Probe gebannt. Er wird noch ordentlich beschriftet und kommt dann in eine vorbereitete Plastikbox mit einzelnen Kammern.

Es ist spannend, sich in die Vergangenheit zu begeben und mit dem Blick nachfolgender Generationen mal versonnen, mal kopfschüttelnd auf die alten Räume zu blicken. Aber das eigentlich Aufregende ist die Zukunft.

Es ist uns nur möglich zu existieren, indem wir eine pflegende Hand an die Dinge legen und vor diesem Hintergrund zwangsläufig Wertungen vornehmen müssen, um nicht im Nebel des Indifferenten zu verirren oder – schlimmer noch – im Wahn von Hybris oder Grenzenlosigkeit verrückt zu werden. Somit ist die Existenz des Staubes eine höchst notwendige Angelegenheit.

Wolfgang Stöcker

Was Wolfgang Stöcker mit seinen Staubexkursionen macht, ist eine große Wertschätzung und im Hinschauen auf die kleinste Einheit lässt sich der Blick auf das große Ganze entwickeln. So, wie von innen heraus auch die Idee des Raum 13 als Ermöglichungsort, als Denkraum eine Chance zur Entwicklung des gesamten Quartiers beinhalten kann. Es hat noch nie gut funktioniert, wenn man das Vergangene komplett hinter sich lassen will. Erst wenn man genau darauf schaut, kann sich Neues bilden.

 Die 5 ha große ehemalige KHD-Fläche an der Deutz-Mülheimer Straße ist eines der letzten innenstadtnahen Quartiere für dessen Entwicklung die Stadt Köln und das Land NRW durch städtebauliche und planungsrechtliche Steuerung noch entscheidende Weichen stellen kann.

Unsere Initiative, bestehend aus angesehenen Künstlern, Wissenschaftlern, Denkmalpflegern, Architekten, Projektentwicklern und einer Stiftung, möchte hier eine grundlegend andere Entwicklung anstoßen. In einem Reallabor soll aus dem Bestand dieses bedeutenden industriekulturellen Erbes in Schritten ein ganz anderes Stück Köln entstehen: Urbanität des 21. Jahrhunderts. 

Raum 13

Für die Zukunft einer Stadtentwicklung von innen setzen sich Anja und Marc ein und man kann nur hoffen, dass hier die Stadt Köln schlau ist und die Chance ergreift. Am 20. Juli wird es wieder eine Zukunftswerkstatt im Raum 13 geben. Wir Herbergsmütter bleiben an der Sache dran, Wolfgang hat schon die nächsten Begehungen im Raum 13 verabredet. Und wir tragen den Staubrausch weiter. Ein anderer Ort wird noch in den Fokus genommen. Und am Ende gibt es dann einen Staubtausch. Dazu später mehr.

Hier könnt ihr unsere Instagram-Story zur Staubexpedition nachschauen.

 

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