Put the Social in the Media!

Spielkinder vor!

Am 27.4.2018 hielt Ute beim 5. Kölner Kultursymposium die Session zu „Best Cases – Zukunft Social Media“

Abstract:

Die sozialen Medien wurden ja nicht erfunden, um digitale Reklametafeln oder reine Marketinginstrumente zu sein. Sie sind es inzwischen aber zum großen Teil. Was schade ist, denn nie war es einfacher, mit Interessierten, Kunden, Publikum dialogisch auf Augenhöhe zu kommunizieren, die eigene Arbeit zu vermitteln, teilhaben zu lassen, mit einzubeziehen, ihnen zuzuhören (!).

Ich zeige Beispiele, wie Kunstvermittlung, Kommunikation und Partizipation (im Kulturbereich) im Digitalen aussehen kann – ganz spielerisch.

Vor ziemlich genau fünf Jahren, am 13.4. 2013 haben wir Herbergsmütter einen Bunten Abend zum Thema Gamification veranstaltet – dem ich den Untertitel „Spielkinder vor“ entliehen habe – u.a. mit dem Ziel, Impulse für Ideen für das Social Web zu finden.

Wir machen was mit Fähnchen 5 Jahre später stehe ich hier und muss mich – zusammen mit einem kleinen bunten Haufen von kulturvermittelnden Mitstreiterinnen – immer noch darum kümmern, dass das Netz nicht nur den Hassern und Trollen, sondern auch nicht den Reklame-und Marketingmenschen überlassen wird.

Natürlich hat sich in den fünf Jahren auch viel Positives getan, aber ich verspüre seit einiger Zeit auch eine Rückschritt, was die Lust am Ausprobieren, Experimentieren, am Spielerischen anbelangt. Zieht man sich jetzt wieder auf die klassischen Marketing- und PR-Methoden zurück, die seit gefühlt 150 Jahren im Analogen praktiziert werden? Macht das Sinn?

Das Spiel und seine Magie sind der Schlüssel zu innovativen Lösungen. Denn auf die kommt man nicht als eindimensional denkender Mensch. Nur im Spiel kann man sich erlauben, neue Muster zu erproben.

Schrieb Anke im Beitrag „Das Spiel des Lebens

Ich habe mich also auf die Suche begeben, um herausragende Social Media Aktionen aus dem Kulturbereich zusammenzutragen (und es ist ein bisschen viel Eigenwerbung drin). Es besteht natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, in den Kommentaren kann sehr gerne ergänzt und nachgetragen werden.

Während der Vorbereitungen zur Session stieß ich bei Twitter auf dieses Video. Eigentlich ist darin alles enthalten. 😉

Experiment

Flohzirkus

2016, Herbergsmütter und Freunde

Die zunehmende Business- und Marketingisierung in den sozialen Netzwerken war auch schon 2016 ein Thema bei uns. Wir verabredeten uns mit einigen Freunden zu einer künstlerische Intervention, die sich  – abseits von Marketing, ohne Hashtag, ohne Replies –  zu einem dadaistischen Dramolett entwickelte.

Kurzzeitig trendeten an diesem Sonntag „Mops“ und „Picasso“. 😉

Pantwitterspiele

2016, Herbergsmütter und das Internet
#pantwitterspiele

Als das IOC und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ihre knallharten Regeln für das Social Web ausgaben, ging uns ein bisschen die Hutschnur hoch.

„Nicht-olympische Sponsoren dürfen weder offizielle Hashtags benutzen, noch retweeten.“

„PS: Gerade erst gesehen, Begriffe die nach der Definition vom DOSB von nicht-olympischen Sponsoren in der Social-Media Kommunikation NICHT verwendet werden dürfen sind auch „Spiele“ und „Sommer“.“ Malte Spitz

Wir erfanden kurzerhand unsere eigenen Spiele und bezogen uns auf die Panhellenischen Spiele, zu Ehren der griechischen Götter, die an religiösen Kultstätten abgehalten wurden. Als Kultstätten galten neben Twitter natürlich auch Facebook, Instagram, etc.

Wir hatten nicht damit gerechnet, dass uns ein Tsunami an Kreativität überrollte.
Wir bekamen dafür eine Virenschleuderpreisnominierung und kamen auf die Shortlist.

#at227pm

@interstellar227
2017

Barbara Schachtner und Dorrit Bauerecker, zwei Musikerinnen aus Köln haben sich zu dem experimentellen Projekt Interstellar 227 zusammengefunden. Sie haben Ende 2017 zu einer kleinen Instagram-Challenge aufgerufen:

„Schenkt uns euren Blick und euer Hören und geht in einen Moment des „Innehaltens“.
Seid Teil einer neuen Produktion von INTERSTELLAR 2 2 7 !!!!
INTERSTELLAGE I-IV vom ersten bis zum vierten Adventssonntag.“

Sie sammelten jede Woche die Bild- und Videoschnipsel ein und kreierten daraus neue, eigenständige Kurzvideos.

Museum

#MyRembrandt
2014, Pinakotheken

Weil die Alte Pinakothek vier Jahre lang renoviert wurde und Besucher räumliche Einschränkungen hinnehmen mussten, haben die Pinakotheken, stellvertretend für die alten Meister, ein jugendliches Selbstportrait (Selfie!) von Rembrandt in die Sommerfrische geschickt. Sieben Reproduktionen wurden hergestellt und man konnte sich bewerben, um mit dem jungen Rembrandt auf Reisen zu gehen.

In Kooperation mit den Kulturkonsorten wurde daraus ein fulminante und bislang einzigartige Aktion.

MyRembrandt in Krakau

Vom heimischen Garten, Urlaub auf Balkonien, reiste Rembrandt quasi um die Welt, bis nach China (ins Atelier von Ai Wei Wei, damals dort noch unter Hausarrest) und Südafrika. Die Kulturkonsorten konnten sogar noch den Coup landen, einen kleinen Ausdruck an Alexander Gerst in die ISS, zu schicken und als Sahnehäubchen wurde das Selbstportrait Rembrandts in ein digitales Signal verwandelt und von der DLR-Bodenstation in Weilheim am 23.07.14 um 13.44 über eine große Funkantenne ins All geschossen. Das Gemälde hat nun eine lange Reise begonnen und wird in die Tiefen des Weltalls geführt.

Wir haben das Signal auf den Stern „Diadem“ im Sternbild „Haar der Berenike“ ausgerichtet. Dieses liegt als offener „Sternhaufen“ gute 57 Lichtjahre entfernt und kann nur noch sehr schwach am Himmel wahrgenommen werden.

Mehr Reichweite geht wohl nicht. 😉

Digitale Promenadologie

#wirziehnfallera
2017, Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Zur Ausstellung „Unter freiem Himmel“ der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe wurden rund 50 Landschaftsgemälden aus sieben Jahrhunderten aus der Sammlung ausgewählt und dazu wurden Texte von 50 Schriftstellern, Publizisten, Intellektuellen, Kunst- und Naturwissenschaftlern verfasst, die sich mit den Natur-, Kultur-, Welt- oder Seelenlandschaften der hochkarätigen Karlsruher Sammlung auseinandergesetzt haben.

Wir erfanden dazu die digitale Promenadologie und verbrachten einen (leider verregneten) Tag in der Eifel, um Landschaft anders und neu zu erleben und dokumentierten live ins Netz. Wir stellten eine Handreichung [PDF] zur Verfügung, die neben dem Hashtag auch über das Projekt hinaus von anderen benutzt wurden. Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe sammelte diese Beiträge auf einem Tumblr.

Ruhrgebietslandschaften
#stadtlandbild
2017, Pinakotheken

Zur Ausstellung „Ruhrgebietslandschaften“ von Albert Renger-Patzsch organisierten die Pinakothek der Moderne in Kooperation mit den Kulturkonsorten und den Herbergsmüttern mehrere Instawalks, die zeitgleich in in unterschiedlichen Städten stattfanden. Es ging darum, dem Blick Renger-Patzsch nachzuspüren, einen anderen Blick auf die Stadt zu bekommen und herauszufinden, was wären heute die Motive, die Renger-Patzsch festhalten würde. In der Ausstellung selber wurden auf einem Medientisch die Instagramfotos gezeigt, im Nachgang der Ausstellung erschien eine 50-seitige Publikation – ein kleiner Instagram-Katalog – was eine hohe Wertschätzung der Teilnehmer bedeutet!

Stadt. Land. Duisburg. Leverkusen. Wesseling

Theater

Twitterstatisten
2013 gabe es tatsächlich mal eine gemeinsame Aktion von Twitter Deutschland und fünf deutschen Theatern: Die Twitter Theaterwoche, #TTW13

Das Residenztheater inszenierte dazu bei „Flegelahre“ von Jean Paul live-Twitterer auf der Bühne. Tanja Praske war dabei und verbloggte ihr Eindrücke dazu.

Die Show (Millionenspiel)
#dieshowDo
2015, Schauspiel Dortmund

Zur Premiere des Stücks hatte das Schauspiel Dortmund eine kleine Twitterinszenierung organisiert. Ausgewählte Twitterer bekamen Inhalte, Bilder und ein grobes Drehbuch zur Verfügung. Es sollte der Eindruck einer Live-Berichterstattung von den Straßen Dortmunds entstehen.

Die Männerspielerin
#ichbinnin
2016, Portfolio Inc./Kulturfritzen
Marc Lippuner, ein Part der Kulturfritzen, denen Theater im Netz ganz besonders am Herzen liegt, haben 2016 die komplette Produktion Männerspielerin  des Ensembles Portfoilio Inc. im Netz transparent gemacht, dokumentiert und partizipative Elemente mit eingebaut. Ausgangsbasis waren die autobiografischen Schriften Anais Nins, die exzessiv Tagebuch geschrieben hat, die sie ab den 60er jahren veröffentlichte.

„Wir gehen von der These aus, dass Anais Nin, würde sie heute leben, eine der ersten und aktivsten Bloggerinnen überhaupt wäre. Die Möglichkeiten der Selbstinszenierung, die das Internet mit seinen sozialen Netzwerken bietet, sind unbegrenzt. Diese Entgrenzung, die Selfiekultur in Bild und Wort, die zwangsläufig zwanghaft ist, spiegelt sich in Nins besessener Art zu schreiben ebenso wie in ihren Texten. Ihre Tagebucheinträge, ihre autobiografischen Erzählungen lassen sich gleichsetzen mit dem Leben, das so viele von uns auf Facebook, Tumblr, Twitter oder Instagram – selbstkuratiert und zum Teil exzessiv – mit anderen teilen.“

„Im Grunde ist unsere Idee eine Mischung aus diversen künstlerisch-kreativen Mitmachaktionen: #IchbinNin ist ein bisschen Blogparade, ein bisschen Orbanism-Festival („Jede*r ist ein*e Künstler*in und ein*e Remixer*in.“), ein bisschen Instagram-Challenge.“

Marc Lippuner stellte Texte, Bilder und einen kleinen Frage-/Aufgabenkatalog zusammen, die Ergebnisse (kurze Texte, Tweets, Twitterlyrik, Fotos, Collagen, Memes, GIFs, Vines, Sounds o.ä.) wurden unter dem Hashtag #IchbinNin auf Facebook, Twitter, Instagram & Co. geteilt. Sie flossen zum Teil mit in die Inszenierung ein undwurden auf einem Tumblr-Blog (digitales Programmheft!) eingebunden. Auch im Theater vor Ort, konnten Zuschauer kurze Statements auf Zettel schreiben, die ebenfalls noch ad hoc mit in die aktuelle Aufführung mit einflossen.

Literatur

Out of the Blue / #outofblue
Oktober 2013
Ein Tweetup aus einer Ausstellung, die es nicht gibt.

Die Idee zu dieser Veranstaltung wurde von Marion Schwehr an die Kulturkonsorten herangetragen. Hintergrund ist Marions Literaturprojekt „Out of the Blue“ und die These, dass das Internet zu einem Umbruch in der narrativen Literatur führen wird. Das Projekt unternimmt den Versuch, diesen Umbruch der Literatur voranzutreiben und mitzugestalten.

outofblue„Bei unserem Tweetup geht es diesmal besonders um das Zusammenspiel zwischen dem Guide und den Twitterati untereinander. Es geht um gegenseitigen Input, Befruchtung und Verarbeitung. Wir hoffen auf zirkulierende Mehrfachschleifen und immer neue Loops, in denen Informationen und Eindrücke weiterverarbeitet werden. Der Tweetup ist demzufolge nicht auf die Vermittlung von Inhalten ausgerichtet, sondern auf die Neuschöpfung einer „Ausstellung“ – als Ereignis und Text. Am Ende ensteht aus der Vielfältigkeit der einlaufenden Tweets eine Art von Poesie, Literatur, – und am Ende gar ein Buch.“

Es ist zumindest ein DIN A 1 Plakat entstanden, was auch seither in meiner Küche hängt.

#Leselawine
2013, Literaturfest München/Kulturkonsorten
Eine wahre Kreativ-Lawine ergab sich aus der „Leselawine„, die zum Münchner Literaturfest initiiert wurde. Es wurde dazu aufgerufen, den ersten Satz eines Buches zu lesen und per Video zu veröffentlichen.

„Der erste Satz ist in jedem Buch etwas Besonderes. Die Passage, die Autorinnen und Autoren – so glauben wir Leser zumindest – am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Und die uns fesseln soll und begeistern, die Lust machen soll auf mehr.“

Noch mehr Leselawine bei Pinterest.

Dokumentation/Geschichte

ZEITUHR 1938
30.3.2018: Minutiöse 24 Stunden Dokumentation von Frederick Baker zum 80. Jahrestag des „Anschlusses“

ZEITUHR 1938 bereitet die Machtergreifung des Nationalsozialismus in Österreich in neuer, innovativer Form mit den Mitteln der Digital Humanities für die Internetgeneration auf. Rund 220 Schlüsselereignisse des „Anschlusses“ werden mit historischen Dokumenten wie Videos, Zeitungsartikeln, diplomatischen Korrespondenzen, Tagebuchauszügen und privaten Aufzeichnungen sowie neuen Interviews mit Zeitzeug/innen in einer chronologischen Abfolge minutiös dargestellt. Als überdimensionale Projektion auf die Fassade des Bundeskanzleramts, in Form eines Live-Tickers im Internet und als digitale Ansichtskarten fürs Smartphone kann man sich so ein detailgetreues Bild von jenen Ereignissen machen, mit denen Österreich den Weg in die Katastrophe beschritt. Langfristig wird ZEITUHR 1938 auf dem Webportal des Hauses der Geschichte Österreich zugänglich sein.
Idee, Konzept und künstlerische Leitung: Frederick Baker

@diefurche twitterte die Ereignisse aus dem Jahr 1938 in Echtzeit.

@1914Tweets

Chronologie eines Jahres, das alles veränderte. In Tweets.

Formate

Es gibt ja schon jede Menge Formate und Hashtags, die man aufgreifen, benutzen, sich daran beteiligen, variieren kann: Blogparaden, Instawalks, Tweetups, Communitymeetings, #artbookfriday, #Musikbuchmontag, #musicmonday,  und und und.

Ein paar davon greife ich exemplarisch heraus:

#artedutalk
Twitterchat zur Kunstvermittlung im digitalen Raum
Seit Sommer 2017
Ein Projekt von Anke von Heyl und Anita Thanhofer

Bei diesem monatlich stattfindenden Chat auf Twitter, werden zu einem Thema der Kunstvermittlung acht Fragen gestellt. Jeder kann sich daran beteiligen, oder auch einfach nur mitlesen.

#blogsofa
Die Stadtbibliothek Düsseldorf lädt viermal im Jahr Blogger auf ihr Sofa ein.

Ein Themenabend, auf dem BlogleserInnen BloggerInnen live und hautnah erleben können und ein Abend, an dem die BloggerInnen aus Düsseldorf und der Region die Chance haben, auf einer Bühne außerhalb des Web ihre Geschichten, Anekdoten und Gedanken mit einem Publikum teilen können. Das Publikum lernt Blogs und Blogger kennen und Blogger können ihre Leser treffen oder sogar neue gewinnen.

@museumsbande (Instagram)
Kooperation von 11 Museen aus Stuttgart und Karlsruhe, die auf Instagram/Twitter/Facebook zusammen „Domino-Donnerstag“ spielen. Hier werden Kunstwerke frei assoziiert.

Hashtagliebe

#depotdienstag
Eine Initiative des Kölnischen Stadtmuseum, an der sich inzwischen viele andere Museen und Archive beteiligen. Es werden Stücke aus den Depots gezeigt, die sonst viel zu selten oder gar nie das Licht der Öffentlichkeit erblickten.

#gruftwandeln
Spaziergänge über Friedhöfe – auch eine digitale Promenadologie –  initiiert von den Kulturfritzen, bei der auch (Kultur-) geschichte vermittelt wird.

#wienfakt / #berlinfakt / #coloniafakt

#Fundusfreitag ? (Liebe Theater, es liegt doch auf der Hand!)

Kulturliebe

Lasst uns das Netz mit Kunst, Kultur und Liebe fluten

Macht das Netz zu einem besseren Ort

(#)

Fazit

Unsere Erfolgsformel:

(Aktuelles Thema) + (Spielwiese)
x (kreative Impulse + ständiges Befeuern + Wertschätzung)
x (starkes Netzwerk)

Ein Gedanke zu “Put the Social in the Media!

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