Wenn zuhause die Kunst einzieht: #wastingtimewithart #kunsthalleathome

Snippets der Kunsthalle Karlsruhe

Kunst zu Gast im Alltag: Seit einer Weile bespielt die Kunsthalle Karlsruhe das Hashtag #kunsthalleathome. In einer Videokonferenz mit Tabea Schwarze von der Kunsthalle haben wir uns gefragt, was wohl passierte, wenn man die Werke (oder Teile) der Sammlung zuhause hätte, im Wohnzimmer, im Homeoffice. Die Online-Sammlung ist momentan zugänglich. Doch zur Kunst in die Kunsthalle selbst kann man dieser Tage nicht. (Für spätere Internetarchäolog*innen: Die Museen sind aktuell wegen der Coronavirus-Pandemie geschlossen.) Und so sprach die Kunsthalle eine Einladung an uns aus …

Snippets – das sind kleine Details aus Kunstwerken der Kunsthalle Karlsruhe. Ihre digitalen Stellvertreter wurden so bearbeitet, dass man sie ganz fein ausschneiden kann. Jeweils ein Päckchen mit ausgewählten Snippets landete bei uns Herbergsmüttern. Die Freude war groß.

Wir beschreiben hier, heute und in den nächsten Wochen, was diese Kunst-Details jeweils mit uns gemacht haben, als wir sie in unsere Heimbüros, Wohnzimmer und Küchen haben einziehen lassen. Inwieweit sie uns inspirieren konnten, welche Ideen oder Gedanken entstanden, wie diese Gäste unseren Alltag verändert haben: Wir beobachten, wie die Snippets auf unsere Kreativität wirken und welche Wege zur Kunst und zu uns selbst wir dabei finden. Wir verschwenden lustvoll unsere Zeit – #wastingtimewithart.

Wibke: Herantasten und Inspiration

Das liegt er nun vor mir, der Frauenschuh. Das Snippet aus dem Werk von Charles William Hamilton. Während ringsum Köln immer grüner wird, finde ich es sehr schön, mit einer Pflanze zu beginnen. Eine Orchidee, lese ich nach. Was machen wir nun miteinander?

Sämtliche Kreativität zieht sich in dem Moment furchtsam und im Vorfeld erschöpft zurück, wenn ich an vermeintliche Erwartungen anderer denke. Oder ihr Urteil. Ich schaffe mir als einen Raum, in dem der Gegenstand der Betrachtung mein wird, einen intimen Raum, einer, in dem eine Liebesbeziehung auf Zeit entstehen kann.

Beim Nachlesen über den Frauenschuh, dessen Name mich als Erstes angesprungen hat, entdecke ich noch weitere Namen, die dieser Pflanze landläufig gegeben wurde: Ankenbälli, Maienschellen, Pfaffenschuch, Herrgottsschühli, Butterballen, Hosenlatz, Schafsäcka. Venusschuh. Unserer lieben Frau Schuchlein. Eine Verbindung entsteht. Beim Betrachten des ausgedruckten und ausgeschnittenen Abbilds eines Abbilds der Pflanze in meiner Hand spreche ich diese Trivialnamen vor mich hin und bei jeder Bezeichnung verändert sich mein Blick. Vor meinem inneren Auge klappen Geschichtsschnipsel auf, wie diese Namen entstanden sein können, wer sie, offen oder heimlich, ehrfürchtig oder verschmitzt, verwendet haben könnte.

Mein Weg zu einem Bild führt über innere Bilder. Mithilfe von Sprache, mithilfe von Geschichten mache ich mir dieses Snippet, diesen Kunstschnipsel zu eigen und ergreife die Hand in das Schauen, in die Naturkunde, in eine andere Zeit und den Blick damals auf die Natur, in das Leben und Arbeiten eines Künstlers, über den man wenig findet.

Ein Kunstschnipsel zog ein, in mein Zuhause. Im Wissen, dass sein Anker in der Kunsthalle Karlsruhe ist. Nun ist es auch mein Frauenschuh, hier wie dort.

Anke: Kontext und Erinnerung

Nachdem Wibke mit ihrer Wortspielerei schon den Fokus auf den Frauenschuh gelegt hatte, hab ich auch erst einmal der Bedeutung dieser Pflanze nachgegoogelt. Es klang etwas in meinem Hinterkopf auf, dem ich nachspüren wollte. Erst einmal weg vom eigentlichen Objekt zog ich eine weite Schleife – ich wollte einen Kontext herstellen, an den ich anknüpfen konnte. Gleichzeitig faszinierten mich die satten Farben und das Pflanzenthema an sich. Meine Recherche brachte mir direkt beim ersten Treffen die Erinnerung zurück: Das Aufkommen der wilden Orchideen im Weserbergland, der Landschaft, die mein Vater so liebte. Und jetzt fiel mir auch wieder ein, dass er mir vom Frauenschuh erzählt hatte. Davon, dass der auf der roten Liste bedrohter Pflanzen steht. Und wo er bevorzugt zu finden ist. Jetzt wuchs mir das kleine ausgeschnittene Pflänzchen aus Papier direkt ans Herz.

Der Frauenschuh ist eine ungewöhnliche Blume und das Detail aus dem Kunstwerk betont die geriffelten satt-grünen Blätter, hebt diese bollenartige gelbe Blüte hervor. Ich wollte das zunächst einmal ganz ruhig betrachten und legte die Pflanze auf einen Keramik-Teller, der bei mir auf einem antiken Beistelltischchen steht. Farben und Texturen passten hervorragend zusammen.

Nachdem ich also zunächst eher klassisch mit dem Detail umgegangen war, überlegte ich, ihm mehr zuzutrauen. Es durfte aus dem Fenster gucken, frische Luft in meinem Zitronenbäumchen auf dem Balkon schnappen und plötzlich hing es neben meinen Kaffeetassen an der Wandleiste. Irgendwie hatte das was Surreales. Und dann war da Max Ernst in meinem Kopf. Der Meister der Collage. Mich regen kleine Details besonders an, verschiedene Realitäten miteinander zu verbinden.

Und weil ich so den ganzen Tag über mit dem Frauenschuh durch meine Wohnung spaziert bin, suchte ich nach einem schönen Abschluss. In meiner Phantasie hatte der Frauenschuh ein Eigenleben entwickelt. Wollte ich das wieder einfangen? Plötzlich klang Musik in meinen Gedanken auf.

Ute: alte Liebe Stopmotion

Mit einem Blick auf mein kümmerliches Basilikum und das Wissen um meinen nicht grünen Daumen, war für mich sofort klar, dass ich den Frauenschuh wachsen lasse. Ich habe meine alte Liebe Stopmotion Animation wiederentdeckt. So hat mich die Inspiration zum Frauenschuh weiter inspiriert.

Ute: Der Narr

Manchmal springt einen die Inspiration sofort an. Mit dem Narr ging es mir so. Zum einen, durch seine lebendige, gestische Haltung, zum anderen sah ich ein paar Tage zuvor die „Homeoffice“-Arbeit von Banksy. Der hatte seine typischen Ratten in sein Badezimmer gemalt und dieses so arrangiert, als hätten es die Ratten verwüstet. Das ist natürlich doppelt witzig, dass der Streetartkünstler in Zeiten von Corona, nun auch Zuhause arbeiten muss.

Mir war sofort klar, dass ich den Narr durch meine Wohnung toben lassen würde. Ich las noch etwas über den Narr, den ich eigentlich mit Hofnarr und auch mit Karneval assoziierte, also zur Belustigung. Allerdings auch mit einer tragischen Note, denn es waren im Mittelalter eben auch kleinwüchsige oder missgestaltete Menschen, die als Narr verschrieen oder verlacht wurden. Neu für mich war, dass er im frühen Mittelalter eine negative Figur war, die dem Tod oder Teufel nahestand. Er befand sich außerhalb der Ständeordung, also ein Outlaw, ein Underdog. Das macht ihn mir aber auch sympathisch in seiner Ambivalenz, die ja auch eine gewisse Freiheit impliziert.

Ich suchte außerdem noch nach Sprüchen und Gedichten zum Narr und war entzückt darüber, was ich fand. Diese Texte beflügelten meine Phantasie dann noch mehr, was der Narr alles in meiner Wohnung anstellen könnte.

Theodor Storm: „Der Narr“

Der Narr macht seine Reverenz,

Der gute derbe Geselle!

Ihr hörtet wohl von weitem schon

Das Rauschen seiner Schelle.

Als alter Hausfreund bin ich ja

Notwendig bei dem Feste;

Denn hörtet ihr die Klapper nicht,

Euch fehlte doch das Beste.

Ein tücht’ger Kerl hat seinen Sparrn!

Das ist unwiderleglich;

Und hat das Haus nicht seinen Narrn,

So wird es öd und kläglich.

Hier war ich manchen guten Tag

Gastfreundlich aufgenommen;

Heil diesem vielbeglückten Haus,

Wo auch der Narr willkommen!

Christian Wernicke

Ein rechter Geck ist mehr, als mancher Schulfuchs, wert,

Und man lernt mehr von ihm, als auf der hohen Schule;

Der hustet Wort‘ und schwitzt vor Weisheit in dem Stuhle,

Weil jener, wenn er tanzt, singt, lachet, spricht und schwört,

Verkehrt, was ansteht, zeigt. Die Weisheit dort besteht

In vielen Worten, hier in einem krausen Zug:

Dort lernt man sich zum Narr’n, hier lachet man sich klug.

Ich räumte dem Narr hinterher, bevor er dann von mir Besitz ergriff.

Wibke: Schnipselwissen anhäufen

Nachdem der Narr bei Ute durchgeturnt war, war mein Blick auf ihn zunächst kummervoll. Gerade wenn man von der Idee und ihrer Umsetzung bei jemand anderem entzückt war, kann das zwei Dinge zur Folge haben:

1. Man ist versucht, das Gesehene, Erlebte, Gelesene oder Gehörte nachzuahmen. Eine Idee aufzugreifen, das tun wir alle tagtäglich in der ein oder anderen Form, mal bewusst, mal unbewusst. Eine Idee wie auch ihre Umsetzung zu kopieren, geht jedoch selten gut und ist meist seltsam langweilig.

2. Man wendet sich entmutigt ab und denkt sich „Das schaffe ich nie!“

Aber es gibt einen dritten Weg: Man atmet und nimmt sich Raum und Zeit, einen eigenen Blick zu entwickeln. Und tut etwas Naheliegendes. Ich schnappte mit also den Schnipsel und machte mich mit Narr in der Hand auf meinen täglichen Weg ins Heimbüro. Und wie so oft, wenn man in Begleitung unterwegs ist, kreisen die Gedanken um den anderen und darum, was uns verbindet.

Während meine Schritte den vertrauten Weg finden, überlege ich, was ich eigentlich über den Narr an sich weiß. Dieser Narr hier ist von Franz Isaac Brun. 16. Jahrhundert. Der Hofnarr, natürlich, einer meiner Lieblingsfilme mit Danny Kaye. Von 1955. Der Kelch mit dem Elch, der Becher mit dem Fächer. Der Hofnarr am Fürstenhof, der für Belustigung sorgte, mitunter Prellbock war, aber auch der, der die Wahrheit sagen durfte, ohne Strafe fürchten zu müssen. Eine Rolle außerhalb des Systems. Nun, in der Theorie.

Der Narr als Sinnbild für Vergänglichkeit in der Kunst des Mittelalters. Memento mori, gedenke des Todes. Ihm wurde Nähe zum Teufel unterstellt. Der Teufel, der in Goethes Faust II als Hofnarr auftrat. Die Dadaisten wurden als Narren bezeichnet. Oft gelten ohnehin Künster:innen als Narren, nun, mitunter haben sie vielleicht selbst den Eindruck, die Gesellschaft narrte wiederum sie.

Zahllose Sprichwörter und Redewendungen gibt es zum Narren in unserer Sprache. Jemand ist in einen anderen oder in etwas vernarrt. Eine närrische Liebe, gar. Eine Narretei. Liest man quer, was sich über den Narren findet, so scheint man sich nie so ganz entscheiden zu können, ob der Narr nun für Dummheit oder Weisheit steht. Und vielleicht steht er für das zutiefst Menschliche, nämlich das Leben im Spannungsfeld dazwischen.

Mein Narr, er zeigt, er prangert an, er belustigt sich, er spottet und tanzt mit seiner schellenbehangener Narrenkappe durch meinen Tag. Für Geschwätzigkeit stünden die Schellen, lese ich noch, und die Marotte, das Zepter in seiner Hand mit seinem eigenen Konterfei, für Eigenliebe. Ein unbequemer Gast, je mehr ich über ihn lese. Aber in guter Weise. Und so wurde mein Tag mit dem Narren eine Tagesreise in die Geschichte einer bemerkenswerten Figur der Kulturgeschichte.

Anke: Querdenken für das Storytelling

Es ist ein spannendes Experiment, das mit dem Durchdeklinieren der Schnipsel. Man achtet ja auf das, was die beiden anderen machen. Und bekommt immer wieder neue Impulse. Das ist übrigens auch eine der Tugenden, die ich an Social Media so mag! Aus allen Ecken kommen Anregungen, mit Reaktionen lässt sich wieder weiter stricken.

Und so ein Narr? Diese kleine Figur reizte natürlich sofort eine Inszenierung in einer Geschichte an. Es passierte das, was man gerne den Frankenstein-Effekt nennt: man erweckt etwas zum Leben. Wegen der hutzeligen Zwergengestalt des Narren war sofort das Setting klar: Märchen! Märchen eignen sich per se immer gut als Vorlagen zum Storytelling. Hier bot sich mir das Rumpelstilzchen an. Und notwendige Requisiten für ein Instagram-Shooting hatte ich auch im Hause.

Ich bin ein großer Fan des lateralen Denkens. Das heißt, nicht den linearen Weg zu nehmen, wenn man eine Aufgabe zu erfüllen hat. Sondern vielmehr parallel in vielen möglichen Szenarien unterwegs zu sein. Bei dieser Kreativtechnik kommt es auf eine größtmögliche Offenheit an. Offenheit gegenüber jeglicher sich bietender Anregung. Und dann die einzelnen Assoziationen aufgreifen, um sich dem Ziel entgegen zu mäandern.

Das habe ich mir auch beim Narren-Spiel zunutze gemacht. Naheliegend war es hierbei auch, sich sprachlich mit dem Narr zu beschäftigen. Und über verschiedene Komposita seines Namens (Narren-Schiff, Narren-Spiegel, Narren-Kappe) kam mir die Idee, das in Form von Bilderrätseln umzusetzen. Damit wurde gleich die geschätzte Community genarrt.

Wibke: Tu‘ Blumen dran!

Eine liebliche Erscheinung, still und mit scheinbar demütig gesenktem Blick: Das kniende Mädchen, einen Blumenkorb ausschüttend. Sie traf mich an einem Tag an, den ich kratzbürstig gestimmt begann. Ich nahm um mich herum zu viele Bilder und Geschichten des Gelingens wahr, während ich selbst … Nun ja. Selbstzweifel sind dieser Tage mein Gemüse. Aber ist nicht alles, was man nicht schafft, viel schöner, wenn Blumen dran macht?

Und so ließ ich das Blumenmädchen alles, was unerledigt, ungeschafft oder ein bleibendes Werk des Unperfekten ist, mit Blumen verschönern. Ich hatte eine nur halbfreundliche Stimme zu ihr im Ohr, die scheinheilig darauf hinwies, was alles nicht gemacht oder geschafft ist.

Doch im Tun verwandeltete sich die Stimme: Sie gewann etwas ehrlich Tröstendes, auch Widerborstig-Fröhliches. Warum nur bekam man eigentlich so oft nur Blumen, wenn man etwas gut gemacht hatte, etwas absolviert oder geschafft hatte? Warum nicht mal Blumen für all das, was man eben nicht hinbekommt, ob aus Gründen oder einfach, weil die Aufgabe einem nicht liegt?

So wurde mein Blumenmädchen im kreativen Prozess und in der Rezeption durch andere (danke für Eure Nachrichten und Kommentare via DM!) eine Rebellin des Alltags, insbesondere im Corona-Schlamassel. Mich lehrte dieser Kunstschnipselbesuch einiges über den Gang, den der Dialog mit dem, was man kreiert, und denen, die das wahrnehmen und sich dazu äußern, nehmen kann.

In diesem speziellen Fall war es für mich auch ein heilsamer Verlauf. Der Tag begann kratzbürstig und endete versöhnlich und heiter, ja, im Gefühl, etwas verstanden zu haben.

Anke: Plötzlich eine Challenge

Dieses ganze Corona hatte immerhin einen Vorteil: es kam Kreativität aus allen Ecken und übernahm das Ruder der Kunstpräsentation von Faktenwissen und Marketing! Hurra, freundliche Verstörung und Spielkinder aller Orten. Wer noch nichts von „Tussen Kunst en Quarantaine“ gehört hat – schnell ab nach Instagram. Das ist einfach nur toll. Auch die Challenge, die vom Getty Museum ausgegangen war, ist ein nimmer endender Quell der Freude.

Weil es mittlerweile so viele gibt, die sich trauen, hat sich auch die Kulturtussi getraut! Immerhin hat mir ja mein Pseudonym im Netz schon vor Jahren geholfen, aus der engen Kunsthistorikerinnen-Jacke zu schlüpfen und mit Kunst spielerischer umzugehen. Aber ich muss gestehen, ich hab mich noch nicht richtig getraut, meine Person so bewusst ins Zentrum einer Inszenierung zu packen. Da kam mir der Schnipsel mit der wunderbaren Blumentussi ganz recht. Und die Entscheidung war gefallen: Ich mache das!

Ute: Lasst Blumen sprießen

Beim lieblichen Blumenmädchen war ich einfach nur eigennützig: Ich wollte einfach nur noch eine Stopmotion Animation machen, Ich erinnerte mich an meine Glanzbildersammlung und ließ diese auf einer gestickten Blumentischdecke meiner Oma sprießen.

Anke: Meine Trigger fürs kreative Denken sind meist Bilder im Kopf

Da kam also ein Leopardenfell ins Spiel! Ich hatte früher ein paar geniale Handschuhe im Leopardenfell-Design. Die habe ich getragen, bis sie auseinander gefallen sind. Die Farben, das extravagante Muster war einfach zu gut. So blitzte auch der erste Impuls auf, den ich für mein #wastingtimewithart mit dem Leopardenfell gegriffen habe. Muster! Und wer mich kennt, weiß, dass ich zu gewagten Mustermixen und Farbkombis neige 🙂 Deswegen habe ich mich dann ordentlich ausgetobt. Dass das für manch anderen aber oft zu Augenschmerzen führen kann, weiß ich auch. Deswegen habe ich gleich mal in einer Insta-Abstimmung, welche Musterkombi am besten bei der Community ankommt.

Das Zusammen von scheinbare unvereinbaren Mustern löste den Assoziationskreisel aus. In den vermischte sich dann zusehends die Frage, was denn diese komische Ansammlung an Leopardenfellen zu bedeutend hat, die Wilhelm Trübner damals im Jahr 1895 gemalt hat. War er auch vom Muster fasziniert? Der Oberfläche? Fast zum Anfassen gut hat er sie hinbekommen. Dann schlich sich von hinten noch ein verschüttetes Wissen über die Ikonographie von Leopardenfellen ins Hirn! Verdammt, ich kann die Kunsthistorikerin doch dauerhaft nicht unterdrücken. Machtsymbol, aber auch Attribut von Dionysos. Das ist echt eine krude Mischung. Dieser habe ich dann noch in einer Collage Luft gemacht.

Wibke: LOLCats Evrywhare!

Am 7. Mai fand die Gesellschaftskonferenz re:publica erstmals im digitalen Exil statt. 2011 besuchte ich meine erste re:publica, ab 2013 war ich mehr oder weniger regelmäßig mit Talks und Moderation dabei. Doch mittlerweile haben wir uns auseinandergelebt: Im letzten Jahr verzichtete ich auf den Besuch, was ich auch in diesem Jahr hätte.

Ich erinnerte mich an die Talks und Erlebnisse, die für mich die re:publica lange ausgezeichnet hatte: Das große Herz für Unsinn und Experimentiergeist, für das, was digitale Räume eben auch ausmacht, nämlich Kreativität und Spiel. Geblieben ist davon eigentlich nur noch das gemeinsame Abschluss-Singen, das es auch diesmal in veränderter Form gab. Aber gut, die Rolle und die Funktion dieser nunmehr recht messe-artigen Großkonferenz hat sich verändert. Relevanz schafft mitunter Distanz, no offense.

Was bleibt: Unvergessen blieb für mich der Talk von Kate Miltner, die über LOLcats geforscht hatte und 2013 darüber höchst unterhaltsam und erkenntnisreich auf der re:publica sprach.

Nun kam das Leopardenfell aus der Kunsthalle Karlsruhe zu mir: Leopard, Raubkatze, Katze, Kätzchen, LOLcat! Ich beschloss, es wäre an der Zeit für eine Hommage an die Ur-Form der Katzenmemes.

Und so war mein Tag mit Leopard eine Reise in die Geschichte der Katzen-Memes, Internet-Archäologie, quasi.

Ute: Einrichtungstipps

Die Leopardenfelle von Wilhelm Trübner ließen mich an schwülstige, opulente Wohnungseinrichtungen des 19. Jahrhunderts denken, Kolonialismus, der Hang zur Exotik. Felle und Pelze sind ja in unserer Zeit glücklicherweise ein No Go, aber das brachte mich auf die Idee, etwas angestaubte Einrichtungsempfehlungen zu kreieren.

Beim Tisch und Stuhl von Herrn Trübner war ich immer noch bei meiner Interieur-Idee und ließ sie in meiner Küche erscheinen und in zeitgenössische Einrichtung verwandeln.

Wibke: Ein Platz am Küchentisch

Da steht er, der Tisch. Im Raum. Vor meinen Augen. Ein Tisch. Holzstühle wie zuhause, am Küchentisch meiner Kindheit. Ein Tisch. Ich habe die verschwommene Idee, den Tisch ins Bücherregal nebenan zu stellen, also, in die Bücher, die Bücher, in denen ein Tisch eine Rolle spielt. Handkes Kaspar fliegt kurz durch, aber Handke, der geht ja einfach nicht mehr. Schweigen, das stünde ihm gut. Doch der Drang, sich zu äußern, er ist oftmals groß. Und braucht einen Ort.

Gespräche am Tisch. Tischgespräche. Die Bücher nebenan. Da fällt mir „Das Muschelessen“ ein, das erste Buch von Birgit Vanderbeke. Für diesen Text erhielt sie 1990 den Ingebor-Bachmann-Preis. Ich las das Buch vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal. Eine trügerische Familienidylle zerbricht, als ein Vater eines Abends nicht pünktlich zum Muschelessen mit der Familie erscheint. Die Mutter und ihre Kinder sitzen am Tisch (so erinnere ich es) und beginnen zu reden. Und während sie am Tisch sitzen, gerät etwas in Bewegung, was sich nicht mehr aufhalten oder ungeschehen machen ließe.

Der Text pflanzte mir einen Gedanken ein, der mich seitdem immer wieder beschäftigt: Niemand geht aus einer Familie unbeschadet hervor. Sie prägt, so oder so, im Guten wie im Schlechten.

Und schon bin ich wieder am Küchentisch meiner Kindheit. Ein zentraler Ort der Familie. Dort steht er noch, der Küchentisch. Er ist aus Holz, ebenso die Stühle und die Eckbank. Aus bayrischem Holz, aus der Hand eines Tischlers, der mit meinen Eltern befreundet war. Er lebte dort, wohin wir lange Jahre im Urlaub waren.

Der Küchentisch. Dort versammelte sich immer noch alles, immer noch, zum Leidwesen meiner Frau Mutter, die uns Kinder lieber in der guten Stube hätte. Doch am Küchentisch fand und findet immer alles statt.

Ein Tisch. Ein Stuhl. Wenn das Bett für mich Fluchtburg ist, ist der Tisch, an dem ich sitze, mein Ort für Tischgespräche und Sammlung, innerlich und mit anderen. Krieg und Frieden. Essen und Trinken. Schreiben und Lesen. Sitzen und Sein.

Anke: Eine Sentimental Journey

Als ich diesen Kunstschnipsel mit Tisch und Stühlen in die Hände bekam, machte es sofort: Klick. Und ich sah eine muntere Kinderschar im Garten an einem Tisch sitzen, um den genau solche Stühle standen, wie sie auch auf Trübners Gemälde zu sehen sind. Der Zufall wollte es, dass diese Stühle noch in meinem Keller lagern. Mein Bruder hatte sie seinerzeit bei der Auflösung des Hauses unserer Großeltern an sich genommen und bei seinem Umzug nach Frankreich hier geparkt. Wie um einen magischen Zauber auszulösen, bin ich direkt runter in unseren Keller. Sozusagen, um durch die unmittelbare Begegnung mit dem Objekt eine Art Schlüssel für die Erinnerungen zu haben, die mit diesen Stühlen verbunden sind.

Dazu dämmerte es mir: Es existiert auch noch ein Foto, auf dem ich im Alter von ca. 8 Jahren mit meinen Brüdern auf diesen Stühlen sitze. Im Garten meiner Oma. Kennt ihr die berühmte Stelle aus dem Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“? Die, in der der Protagonist in eine Madeleine beißt und ein Schlückchen Zitronentee dazu nimmt. (Was ihn dann sofort in der Zeit zurück reisen lässt und all die Gerüche und Geschmäcker von damals hervorholt.)

So ähnlich habe ich mich beim Anblick der Stühle und des Fotos auch gefühlt. Ich spürte förmlich, wie wackelig die damals waren, diese Stühle. Sie waren recht einfach und grob zusammengezimmert. Als nächstes konnte ich den leckeren Butterkuchen von Oma schmecken und mich an den Garten erinnern, der in meiner Vorstellung viel größer war, als in Wirklichkeit. Wir tranken Kirschsaft!

Wie, um diesen Zauber festzuhalten, nahm ich den Schnipsel und legte ihn über das Foto. Es war perfekt.

Und wenn ich gerade darüber nachdenke, zu welchen sehr persönlichen Momenten mir diese Kunst-Snippets bereits verholfen haben, dann wird mir auch wieder bewusst, warum ich mich immer schon gerne mit Kunst beschäftigt habe. Nämlich wegen dieser geheimen Superkraft, die in ihr wohnt und die auch von jedem noch so winzigen Detail ausgehen wird.

Kunst kann einen so tief berühren und zum verborgenen Kern der eigenen Erinnerungen und Erlebnisse führen. Dass Wibke anhand unseres Tisch-Stühle-Details eine ganz ähnliche Reise unternommen hat, ist ein weiterer Beweis dafür!

Wie geht es weiter?

Wir werden diesen Blogbeitrag in den nächsten Wochen im zweiwöchentlichen Rhythmus aktualisieren und um unsere Snippet-Geschichten ergänzen. Bleibt also gerne dran.
Am Ende erfolgt ein Resümee, wie sich die Kunstschnipsel auf uns, unsere Kreativität und unsere Wege zur Kunst ausgewirkt haben.

Hinweis: Diese Aktion ist eine bezahlte Kooperation mit der Kunsthalle Karlsruhe.

6 Gedanken zu “Wenn zuhause die Kunst einzieht: #wastingtimewithart #kunsthalleathome

  1. Gefällt mir sehr! Ich liebe dieses Sprühen von Kreativität, das sich an diesen Schnipseln „entzündet“ – es macht Lust darauf, selbst etwas zu machen oder auch ganz neu auf Schnipsel udn Kunst zu schauen.

    • Liebe Petra,
      mit Papier und Schnipseln kennst du dich ja aus 🙂
      Uns freut es total, wenn wir Lust machen, selber was zu probieren.

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