Das Spiel des Lebens

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Aus dem Buch der Spiele, 1283

Was ist der wichtigste Aspekt des Lebens, wollte der mächtige König Alfonso X. von den Weisen seines Landes wissen. „Das ist auf jeden Fall die Vernunft“ sagte der Erste. Der Zweite schüttelte den Kopf und meinte: „Aus meiner Sicht ist das das Glück“ beharrte er. Und der Dritte warf ein: „Es kann nur die Kombination von beidem sein!“ König Alfonso schaute sie nacheinander eindringlich an und befahl ihnen, sich etwas zu überlegen, was ihn von ihren Antworten überzeugen würde. So kamen sie also nach einer Woche wieder an den Hof zurück und präsentierten ihm drei Spiele. Der Erste hatte das Schachspiel erfunden, der Zweite das Würfelspiel und der Dritte kam mit dem Tric Trac Spiel, einem strategischen Würfelspiel!

So erzählt eine Legende aus dem 13. Jahrhundert davon, wie die Menschen das Spiel entdeckten. Tatsache ist jedoch, dass dieses schon viel älter ist. Man weiß, dass im alten China vor über 2000 Jahren sogar hochranginge Positionen am Hofe des Kaisers nur an jene vergeben wurden, die das Spiel Weiqui besonders gut beherrschten. Und schon in den ersten Kulturen war das Orakel bekannt, welches auch schon mal mit besonders geformten Steinen „erspielt“ wurde.

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Detail aus „Die Kinderspiele“ von Pieter Bruegel dem Älteren, 1560

Das Spiel gibt es in allen Kulturen und seit Ur-Zeiten. Das legt die Vermutung nahe, dass das Spielerische an sich bereits in der Natur des Menschen angelegt ist. Dazu später mehr. Schauen wir uns einmal die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Spiels an, so stellen wir fest, dass man diese in mehreren Kategorien klassifizieren kann. Es gibt den Wettkampf, der durch die Erfindung der Olympischen Spiele in der Antike sogar institutionalisiert wurde. Es gibt den Zufall, der oftmals auch mit dem Faktor Schicksal in Verbindung gebracht worden ist. In alten Zeiten stellte man sich die Götter vor, als wenn sie die Menschen auf der Erde wie Figuren auf einem Spielbrett betrachten würden. Eine besonders phantasiereiche Erscheinungsform ist die Kategorie Maske. Das Theaterspiel gehört mit zur Krönung spielerischen Handelns. Und zuletzt wird oft auch die Kategorie Rausch erwähnt, die vor allem wegen des Heraustretens aus dem eigentlichen Leben in die Definition des Begriffes „Spiel“ hineingerutscht ist.

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Jungen beim Murmelspiel, Fotografie, ca. 1891

Das Bild der murmelspielenden Jungs zeigt Vieles von dem, was ein Spiel ausmacht. Man sieht sehr schön in der Versunkenheit der Spieler, wie diese sich in ihrer ganz eigenen Welt befinden. Dort zählen nur die Regeln des Spiels, welche alle hochkonzentriert befolgen. Der Moment äußerster Spannung vermittelt sich im Wettkampf, denn alle schauen gebannt auf den kleinen Kreis, welcher als Wurfziel ausgemacht wurde. Spielende, von außen betrachtet, umgibt eine ganz besondere Aura. Sie sind eine eingeschworene Gemeinschaft! Herbert Marcuse hat eine Qualität im Spiel erkannt, auf die hier noch einmal besonders hingewiesen werden soll: er postulierte die Rückbesinnung auf das Spielerische als eine wichtige gesellschaftliche Komponente gegen die Vorherrschaft der „instrumentellen Vernunft“. In der letzten Zeit scheint es dringender denn je, nach mehr spielerischem und experimentellem Tun, nach mehr Kreativität bereits in der Schule zu rufen. Hoffen wir, dass dieser Ruf nicht ungehört bleibt.

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Briefmarke zum 100jährigen Jubiläum von „Mensch ärgere dich nicht“

Das Spiel und seine Magie sind der Schlüssel zu innovativen Lösungen. Denn auf die kommt man nicht als eindimensional denkender Mensch. Nur im Spiel kann man sich erlauben, neue Muster zu erproben. Und überraschenderweise gelten wir Deutschen als die Spieleerfinder vor dem Herrn. Nirgends in der Welt werden so viele Spiele ersonnen. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb Schiller einst in „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ und durch Johan Huizinga sind wir alle längst zum Homo ludens erklärt worden. Er sieht im Spiel die Voraussetzung für die Entwicklung der Kultur.

Das Spiel hat kein Ziel und gerade deswegen fördert es die kreativen Impulse. Mit dem Spiel lassen sich komplizierte Zusammenhänge in einem neutralen Feld ausprobieren. Ob Variation oder Kontrast, Harmonie und Rhythmus … das Spielerische zeigt sich in so vielen Details. Auch im Spiel des Lebens. Was das Spiel mit dem Abendbrot verbindet, erklärt der große Vordenker Immanuel Kant in seiner Anthropologischen Didaktik:

„Warum ist das Spiel (…) so anziehend, und, wenn es nicht gar zu eigennützig ist, die beste Zerstreuung und Erholung nach einer langen Anstrengung der Gedanken; denn durch Nichts-Tun erholt man sich nur langsam? Weil es der Zustand eines unablässig wechselnden Fürchtens und Hoffens ist! Die Abendmahlzeit nach demselben schmeckt und bekommt auch besser.“

In diesem Sinne: spielt mehr Spiele!!!

 

 

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